Fachbeitrag · Körper & Stoffwechsel

Adipositas – mehr als überschüssiges Körperfett

Erkrankung, Fettgewebe und unterschiedliche Behandlungsziele fachlich eingeordnet
Adipositas ist nicht lediglich eine sichtbare Ansammlung von Körperfett und lässt sich nicht auf zu hohe Energiezufuhr oder zu wenig Bewegung reduzieren. Sie ist eine chronische, komplexe Erkrankung, bei deren Entstehung biologische, genetische, neuroendokrine, psychosoziale und umweltbedingte Faktoren zusammenwirken können.
Fachbeitrag von Beate Scheffler · Dipl.-Biologin (Mikrobiologie)
Fachliche Einordnung

Adipositas ist eine Erkrankung – kein ästhetisches Körperformungsproblem

Bei Erwachsenen wird ein Body-Mass-Index ab 30 kg/m² üblicherweise zur Einordnung von Adipositas herangezogen. Der BMI ist jedoch nur eine Orientierungsgröße. Fettverteilung, Stoffwechselsituation, Begleiterkrankungen und individuelle Risikofaktoren müssen bei der medizinischen Bewertung zusätzlich berücksichtigt werden.

Eine ausgeprägte Vermehrung von Fettgewebe kann mit metabolischen und kardiovaskulären Risiken sowie weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden sein. Adipositas gehört deshalb in eine medizinisch fundierte Diagnostik und gegebenenfalls in eine langfristig angelegte, multimodale Behandlung.

Biologische Grundlagen

Fettgewebe ist Energiespeicher und metabolisch aktives Gewebe

Die biologische Bedeutung von Fettgewebe geht weit über die Speicherung überschüssiger Energie hinaus.

Energiestoffwechsel

Speicherung und Mobilisierung von Energie

Adipozyten speichern Energie überwiegend in Form von Triglyceriden und können diese bei entsprechendem Bedarf wieder mobilisieren. Aufbau und Abbau des Fettgewebes stehen in enger Wechselwirkung mit Ernährung, hormonellen Signalen, körperlicher Aktivität und dem gesamten Energiestoffwechsel.

Endokrine Funktion

Fettgewebe kommuniziert mit dem Organismus

Fettgewebe ist metabolisch aktiv und bildet unterschiedliche Signalstoffe und Adipokine. Diese sind unter anderem an der Regulation von Energiehomöostase, Insulinsensitivität, Entzündungsprozessen und weiteren Stoffwechselfunktionen beteiligt.

Bei ausgeprägter Adipositas

Nicht allein die Menge des Fettgewebes ist entscheidend

Mit zunehmender Fettmasse können sich Größe und Anzahl der Fettzellen, die Zusammensetzung des Gewebes sowie seine metabolische Aktivität verändern. Besonders die Verteilung des Fettgewebes und eine mögliche Stoffwechseldysfunktion sind für die gesundheitliche Bewertung relevant. Adipositas ist deshalb biologisch wesentlich komplexer als ein lokales Fettdepot.

Deutschland

Wie häufig sind Übergewicht und Adipositas?

Bevölkerungsdaten des Robert Koch-Instituts zeigen die hohe gesundheitliche und gesellschaftliche Relevanz.

19,0 %
Adipositas

der Erwachsenen in Deutschland auf Basis der GEDA-Selbstangaben 2019/2020.

53,5 %
Übergewicht einschließlich Adipositas

bei Erwachsenen insgesamt; Männer waren häufiger betroffen als Frauen.

23,3 %
Altersgruppe 45–64 Jahre

In dieser Altersgruppe wurde die höchste Adipositasprävalenz der ausgewiesenen Altersgruppen festgestellt.

Quelle: Robert Koch-Institut · GEDA 2019/2020-EHIS · Angaben zu Körpergröße und Gewicht basieren auf Selbstauskunft.
Entstehung

Warum Adipositas nicht auf Bewegungsmangel reduziert werden kann

Körpergewicht und Fettmasse entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel zahlreicher biologischer und äußerer Einflussfaktoren.

Biologie & Genetik

Genetische Veranlagung, neuroendokrine Regulation, Stoffwechsel und individuelle Unterschiede in Hunger-, Sättigungs- und Energieregulation können die Entwicklung einer Adipositas mitbestimmen.

Ernährung & Umwelt

Ernährungsumgebung, verfügbare Lebensmittel, Arbeits- und Lebensbedingungen sowie gesellschaftliche und sozioökonomische Faktoren beeinflussen langfristig Energieaufnahme und Gesundheitsverhalten.

Bewegung & Muskulatur

Körperliche Aktivität und Skelettmuskulatur sind für Energieverbrauch, Stoffwechsel und funktionelle Gesundheit bedeutsam. Bewegungsmangel kann die Entwicklung begünstigen, erklärt Adipositas jedoch nicht allein.

Weitere Einflussfaktoren

Auch Erkrankungen, Medikamente, psychosoziale Faktoren, Immobilisation und weitere individuelle Bedingungen können zur Gewichtsentwicklung beitragen und müssen gegebenenfalls medizinisch berücksichtigt werden.

Medizinische Behandlung

Adipositastherapie ist langfristig und multimodal

Die Behandlung richtet sich nach Schweregrad, Begleiterkrankungen, individueller Situation und medizinischer Indikation.

01

Basistherapie

Ernährungsumstellung, Steigerung der körperlichen Aktivität und Verhaltensmodifikation bilden die Grundlage einer leitliniengerechten Adipositasbehandlung.

02

Medizinische Erweiterung

Abhängig von Ausgangssituation, Begleiterkrankungen und Therapieziel können zusätzliche medizinische Maßnahmen einschließlich medikamentöser Verfahren in Betracht kommen.

03

Operative Verfahren

Bei entsprechendem Schweregrad und medizinischer Indikation können bariatrische beziehungsweise metabolische operative Verfahren Bestandteil eines umfassenden Behandlungskonzeptes sein.

Fachliche Grundlage: aktualisierte S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“, 2024.
Anwenderkompetenz

Das Behandlungsziel bestimmt die Methode

Für eine fachgerechte Behandlung reicht es nicht aus, eine Technologie anwenden zu können. Zunächst muss erkannt werden, welche Veränderung tatsächlich vorliegt, welche Strukturen betroffen sind und welches Behandlungsziel daraus resultiert.

Adipositas
Systemische, chronische Erkrankung
Medizinische Diagnostik und langfristige Therapie
Lokales Fettdepot
Lokal begrenztes subkutanes Fettgewebe
Gezielte Körperkonturierung bei geeigneter Indikation
Cellulite
Subkutane Gewebearchitektur und fibröse Septen
Cellulite-spezifisches Behandlungskonzept
Hautlaxität
Dermis und Bindegewebsstrukturen
Straffungs- und regenerative Gewebekonzepte
Muskuläres Defizit
Muskulatur und neuromuskuläres System
Training oder geeignete Muskelstimulation
Gewebeüberschuss / Ptose
Ausgeprägte anatomische Strukturveränderung
Gegebenenfalls plastisch-chirurgische Korrektur

Professionelle Anwenderkompetenz bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Technologien einzusetzen. Entscheidend ist, das Problem richtig einzuordnen, die relevante Zielstruktur zu erkennen, die Grenzen eines Verfahrens zu kennen und die passende Methode für das jeweilige Behandlungsziel auszuwählen.

Beispiel Cellulite

Nicht jede sichtbare Veränderung ist ein Fettproblem

Cellulite verdeutlicht diese Abgrenzung besonders gut. Das typische Hautrelief ist nicht einfach Ausdruck einer Adipositas oder eines erhöhten Körpergewichts. Entscheidend ist vielmehr die besondere Architektur des subkutanen Gewebes mit Beteiligung fibröser Septen, Fettgewebe und darüberliegender Hautstrukturen.

Eine Gewichtsreduktion kann daher das Erscheinungsbild beeinflussen, behandelt die strukturellen Ursachen einer Cellulite jedoch nicht zwangsläufig. Umgekehrt stellt eine Verbesserung des Cellulite-Erscheinungsbildes keinen Nachweis für die Behandlung von Adipositas oder eine relevante Gewichtsreduktion dar.

Für Anwender folgt daraus: Auch bei ähnlicher äußerer Erscheinung können unterschiedliche biologische Zielstrukturen vorliegen – und damit unterschiedliche Wirkmechanismen erforderlich sein.

Nach deutlicher Gewichtsreduktion

Wenn aus einer biologischen eine anatomische Fragestellung wird

Eine erfolgreiche Gewichtsreduktion bedeutet nicht automatisch, dass sich sämtliche Gewebestrukturen in ihre ursprüngliche Form zurückbilden.

Nach deutlicher oder länger bestehender Gewichtsabnahme können ausgeprägte Hautüberschüsse, Ptosen, veränderte Fettkompartimente und erschlaffte tiefere Gewebestrukturen zurückbleiben. Solche Veränderungen sind nicht mehr primär ein Problem des Körpergewichts, sondern können eine anatomische Veränderung darstellen.

Damit verändert sich auch das Behandlungsziel. Training, Gewichtsreduktion oder regenerative beziehungsweise biostimulierende Verfahren können biologische Gewebeprozesse beeinflussen, ausgeprägte anatomische Überschüsse jedoch nicht beliebig zurückführen.

Bei entsprechenden Befunden können deshalb plastisch-chirurgische Verfahren wie Abdominoplastik, Bodylift oder andere konturierende Eingriffe erforderlich werden. Apparative Technologien können je nach Ausgangssituation eine andere Aufgabe übernehmen – beispielsweise in der Gewebevorbereitung, Regeneration oder begleitenden Behandlung.

Wichtige Abgrenzung

Apparative Körperformung ist keine Adipositastherapie

Ästhetische oder apparative Verfahren zur Körperformung ersetzen weder die medizinische Diagnostik noch die Behandlung einer Adipositas. Sie sind nicht dafür vorgesehen, eine chronische Adipositas zu behandeln oder eine medizinisch relevante Gewichtsreduktion zu ersetzen.

Bei stabiler Ausgangssituation können jedoch andere Fragestellungen bestehen: lokalisierte Fettdepots, Cellulite, Hautlaxität, Veränderungen der Gewebequalität oder funktionelle Defizite der Muskulatur. Hier können unterschiedliche Technologien – abhängig vom tatsächlichen Behandlungsziel – sinnvoll eingeordnet werden.

Technologien zur Körperformung fachlich vergleichen →
Evidenz & Wirkversprechen

Ein nachgewiesener Effekt ist nur so aussagekräftig wie das untersuchte Behandlungsziel

Gerade bei Technologien zur Körperformung werden sehr unterschiedliche biologische und ästhetische Effekte häufig unter einem gemeinsamen Wirkversprechen zusammengefasst.

Elektromagnetische Muskelstimulation, Vakuum- und Rollenmassage, Kompressions- oder Mikrovibrationsverfahren, Radiofrequenz, Stoßwellentherapie und weitere Technologien können völlig unterschiedliche Zielstrukturen und Wirkmechanismen besitzen.

Je nach Verfahren können Studien beispielsweise Veränderungen von Muskelparametern, Umfang, subkutanem Gewebe, Hautstruktur oder Cellulite-Erscheinungsbild untersuchen. Solche Ergebnisse müssen immer auf genau den untersuchten Endpunkt bezogen werden.

Eine Veränderung des Umfangs ist nicht automatisch mit Fettabbau gleichzusetzen. Eine Veränderung der Muskeldicke ist keine Gewichtsreduktion. Eine Verbesserung des Cellulite-Erscheinungsbildes behandelt keine Adipositas – und eine Verbesserung der Hautqualität korrigiert keinen ausgeprägten anatomischen Gewebeüberschuss.

Für die fachliche Bewertung muss deshalb gefragt werden: Was wurde tatsächlich gemessen? Wie groß war die untersuchte Gruppe? Gab es eine Kontrollgruppe? Wie lange wurde nachbeobachtet – und entspricht der untersuchte Endpunkt tatsächlich dem beworbenen Wirkversprechen?

Nicht die Anzahl von Technologien oder Studien entscheidet über die Qualität eines Behandlungskonzeptes, sondern die Übereinstimmung von Problem, biologischer Zielstruktur, Wirkmechanismus, Technologie und belastbarer Evidenz.

Fachliche Grundlage

Einordnung auf Basis medizinischer und wissenschaftlicher Quellen

Die Darstellung orientiert sich unter anderem an Gesundheitsdaten des Robert Koch-Instituts , der S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas sowie der internationalen medizinischen Einordnung von Adipositas als chronischer und komplexer Erkrankung.